Urban Movement! Connecting Resistance and Alternatives

Die RLS Brüssel bringt Verkehrs- und Stadtaktivist*innen aus ganz Europa zusammen

20.11.2019

Vom 18. bis 20. Oktober lud die Rosa-Luxemburg-Stiftung Brüssel knapp 80 Aktivist*innen aus fast 20 europäischen Ländern zur Konferenz „Urban Movement! Connecting Resistance and Alternatives“ ein, um über die Verkehrswende von unten in Städten zu diskutieren, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Die Gruppen und Initiativen kamen alle mit den unterschiedlichsten Kampagnen und Strategien nach Brüssel. Während einige die Infrastruktur und Rechte von Fußgänger*innen oder Radfahrer*innen verbessern, kämpfen die nächsten für einen besseren, günstigeren oder sogar kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Wieder andere funktionieren den städtischen Raum, insbesondere Straßen und Parkplätze, in benutzbaren und kollektiven Raum für alle um. Während sich einige Aktivist*innen in Petitionen oder Demonstrationen zu Wort melden, eignen sich wiederum andere in direkten und/oder künstlerischen Aktionen den städtischen Raum an.

So unterschiedlich Strategien oder thematische Schwerpunkte der Aktivist*innen sind, so sehr vereint sie das Ziel: lebenswertere Städte, in denen wenige bis keine Autos unterwegs sind, die faire und ökologische Mobilität für alle bieten. In all diesen Initiativen ist deutlich, dass der Kampf für bessere Städte eine soziale und eine ökologische Frage ist und damit tiefere Konflikte um (globale) Gerechtigkeit in unseren Gesellschaften aufwirft: Wem gehört die Stadt und wer nimmt wie viel Raum ein? Wer bewegt sich wie und aus welchen Gründen? Wie kann Mobilität und Verkehr angesichts von Klimakrise und stetiger Urbanisierung organisiert sein? Wer kommt für die externalisierten Kosten unseres Verkehrssystems auf? Welche Macht haben (Auto-)Konzerne und wer bestimmt eigentlich darüber, wie wir uns bewegen (können) und wo wir uns dann noch begegnen werden?

"Cars will evaporate" – Podium, Keynotes & Worksshops

Die Konferenz begann nach einer kurzen Vorstellung der anwesenden Gruppen in der Plakatausstellung am Freitagabend mit einer Podiumsdiskussion zu verschiedenen Ansätzen von Veränderung in unseren Städten. Allan Alaküla stellte das Konzept von Tallinn vor, welches seit einigen Jahren komplett kostenlosen Nahverkehr anbietet. Isabell Eberlein erzählte von dem Erfolg des Berliner Fahrrad-Volksbegehrens und den Grenzen, an die Graswurzelaktivist*innen bei dem Umgang mit städtischer Verwaltung stoßen können. Geert van Waeg wiederum brachte die Perspektive der Fußgänger*innen ein, diejenigen Verkehrsteilnehmer*innen, die meistens am wenigsten gesehen werden, die wir aber alle zu irgendeinem Zeitpunkt sind. Laura Schwarz sprach über direkte Verkehrsaktionen wie „Ende Geländewagen“ (München) oder „Sand im Getriebe“ (Frankfurt). Moderiert wurde die Diskussion von Janna Aljets, der Initiatorin und Organisatorin der Konferenz der RLS Brüssel.

Am Samstagmorgen sollte die Keynote von Anna Nygard vom schwedischen Kollektiv planka.nu den Tag prägen. Per Skype zugeschaltet konnte sie von zwei Jahrzehnten Erfahrung als Aktivistin für kostenlosen Nahverkehr berichten und stellte eine klare Verbindung zwischen lokaler Verkehrspolitik mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem her. Sie machte deutlich, dass Mobilität und Verkehr Teil eines größeren Machtsystems sind, welches es zu brechen und zu verändern gilt.

Am Sonntagmorgen regten gleich zwei Keynotes die Diskussionen an. Zum einen brachte Pilar Vega vom spanischen Kollektiv Ecologistas en Acción eine starke feministische Perspektive auf die Verkehrs- und Städteplanung ein zeigte, wie stark der männliche Blick und patriarchale Strukturen die Art und Weise prägen, wie wir uns in Städten bewegen können. Darüber hinaus konnte Ana Gulías Torreiro aus der spanischen Stadt Pontevedra von den Erfolgen einer autofreien Stadt berichten. Auch sie konnte aus der praktischen Erfahrung heraus deutlich machen, wie sehr eine autozentrierte Stadt besonders sozial marginalisierte Gruppen zurückdrängen und wie diese durch weniger Autos gestärkt werden können.

Nicht zuletzt war die Konferenz dann durch die Teilnehmer*innen selbst geprägt. Verschiedene Gruppen und Kampagnen hatten sich im Vorfeld zusammengetan und boten gemeinsame Workshops zu den unterschiedlichsten Themen an. In Workshops wie „Cycling in the city: stories of space and power“, „Experimental approaches for livable public spaces“ oder „How to deal with demagogy & green-washing“ wurde berichtet, reflektiert, ausgetauscht und darüber diskutiert, wie Städte lebenswerter gestaltet werden können und welche politischen Strategien sich dafür anbieten. Dies ermöglichte es den Teilnehmer*innen, eigene Erfahrungen zu teilen, aber auch neue Inspirationen für die eigene Arbeit mit nach Hause zu nehmen. So wurde auch gleich die Kooperation und Zusammenarbeit angeregt und neue Allianzen geschmiedet.

Das komplette Programm sowie eine Kurzvorstellung aller Gruppen finden sich im Conference Reader. Zudem haben viele Gruppen ein Poster zur Selbstvorstellung mitgebracht, diese finden sich hier.

Zu Fuß die Stadt erkunden & gemeinsam aktiv werden

Nicht zuletzt wurde die Konferenz aber auch genutzt, um gemeinsam aktiv zu werden. Am Samstagnachmittag gingen die Teilnehmer*innen in vier verschiedenen Gruppen auf Stadterkundung. So wurden ihnen verschiedene Stadtteile von Brüssel vorgestellt und ihnen mit einer besonderen Perspektive lokaler Aktivist*innen auf Verkehr und Mobilität nähergebracht. Wie ist die Stadt historisch gewachsen, wie wurde sie infrastrukturell gedacht und welche sozialen Spannungen sind dadurch entstanden?

Der Samstagabend wurde dann genutzt, um sich im Open Space auszutauschen und den Film „Bikes vs. Cars“ anzuschauen. Ein anderer Teil der Gruppe entschloss sich spontan für eine direkte Aktion: So wurde im Brüsseler Stadtviertel Saint-Gilles eine größere Kreuzung an den Rändern besetzt und lud Autofahrer*innen zu einem alkoholfreien Aperitif ein. Auf eine einfache und humorvolle Art thematisierten die Aktivist*innen damit, wie der Raum in der Stadt verteilt ist und regten Diskussionen bei den Nachbar*innen und Anwohner*innen an. Ein Video der Aktion ist vom Kollektiv Raumstation gemacht worden.

"We are so many..."

Für die meisten Aktivist*innen und Teilnehmer*innen der Konferenz ist deren tägliche Arbeit natürlich sehr lokal begrenzt. Sie kämpfen vor Ort, in ihren Städten und überwiegend ehrenamtlich an einer lebenswerteren, leiseren, grüneren und gerechteren Stadt für alle. Gerade deshalb fehlt es oft an Zeit und Raum für die überregionale Vernetzung. Gleichzeitig liegt aber die Gefahr von lokaler Graswurzelarbeit darin, dass sich Aktivist*innen in Details verlieren, den Blick für das große Ganze verlieren oder mit so viel Widerstand kämpfen müssen, dass sie die Motivation verlieren.

Eine echte Verkehrswende braucht aber einen langen Atem und viele Menschen, die an die Vision einer besseren Stadt glauben. An dieser Stelle setzte die Konferenz „Urban Movement! Connecting Resistance and Alternatives“ der RLS Brüssel an: Sie wollte vernetzen und inspirieren und den Aktivist*innen langfristig ein Netzwerk bieten, um in Kontakt zu bleiben. Denn so unterschiedlich die Probleme und Strategien auf den ersten Blick wirken, so sehr sind die Aktivist*innen in dem Ziel von lebenswerteren und gerechteren Städten (ohne Autos!) vereint. Die Konferenz soll daher in regelmäßigen Abständen in unterschiedlichen Städten Europas stattfinden und fortan mit Unterstützung der RLS Brüssel noch stärker von dem aktivistischen Netzwerk getragen und organisiert werden.

Click here for more pictures from the conference.

For questions about the network, please e-mail the project manager, Janna Aljets, at janna.aljets(at)rosalux(dot)org or call her on +32 (0)2 738 7661.

Quotes from the participants

“Opportunity to meet, talk and listen to all the people interested in the same topics as me. Debate was incredible and some of the speakers were more than inspiring! Whole organisation was on a such great level!“

“I learned what other grassroots are doing in their respected communities and I got a lot of advice on how to implement some actions from others in our own community. I learned the differences between our communities, but also what makes us closer and together in this – and this is enthusiasm to make changes – we are all on the same wheels of change.“

“Wider perspective of urban mobility, a lot of useful ideas and great feeling that this what we are fighting for is worthwhile!“